Dokument des Kreises Gumbinnen

Eine endpaläolithische Lanzenspitze aus Gumbinnen, gemeldet vom Kreispfleger Fritz Wieske

von Christine Reich

Erste und dritte Seite der Fundmeldung von Fritz Wieske zum Fund einer Lanzenspitze aus Gumbinnen (PMA_1545_01.pdf: Seite 22 und 24). © Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin. 
Erste und dritte Seite der Fundmeldung von Fritz Wieske zum Fund einer Lanzenspitze aus Gumbinnen (PMA_1545_01.pdf: Seite 22 und 24). © Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin.

In der hier vorgestellten Fundmeldung berichtet der Kreispfleger Fritz Wieske über den „Fund einer Lanzenspitze [/] (aus Geweih oder Knochen)“, die 1935 bei Bauarbeiten im Stadtgebiet von Gumbinnen (heute: Gussew, Oblast Kaliningrad) entdeckt wurde. Diese Lanzenspitze, hergestellt aus dem Mittelfußknochen eines Elches, war eines der ältesten und bekanntesten Stücke des Prussia-Museums. Sie muss heute als verschollen gelten. Der Fund wurde ausführlich von Hugo Groß publiziert (Der erste sichere Fund eines paläolithischen Geräts in Ostpreußen. In: Mannus 29, Heft 4, 1937, S. 113-118; Auf den ältesten Spuren des Menschen in Ostpreußen. In: Prussia 32, 1938, S. 96-100). Dabei stützte er sich auf den Bericht der Fundumstände von Wieske und veröffentlichte ebenfalls dessen Profilzeichnung. Fritz Wieske war es auch, der die Bodenproben für die pollenanalytischen Untersuchungen, die Hugo Groß durchführte, entnahm. Aufgrund dieser Pollenanalysen setzte Groß die Lanzenspitze in die Späteiszeit bzw. das Alleröd-Interstadial und datierte sie in die Zeit um 9000 v. Chr. Von der aktuellen Forschung wird die Lanzenspitze der Gruppe der Swidry-Kulturen zugeordnet. Vergleichbare Spitzen finden sich im westlichen Litauen, im Kaliningrader Gebiet, in Nordpolen und westlich der Oder im Havelgebiet (Rimutė Rimantiėne, Die Steinzeit in Litauen. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 75, 1994, S. 35-37).

PMA_1545_01_PDF_26_u_28.png 
Links: Planumszeichnung der Fundstelle (PMA_1545_01.pdf: Seite 26), rechts: Zeichnung der Lanzenspitze aus Knochen (PMA_1545_01.pdf: Seite 28) von Fritz Wieske. © Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin.

Die Fundmeldung von Fritz Wieske besticht nicht nur durch ihre gut leserliche Schrift und ihre Ausführlichkeit, sondern auch durch ihre Anhänge, die am Ende der Fundmeldung aufgelistet sind: „1 Kartenskizze [/] 2 Skizzen auf Millimeterpapier [/] 2 Zeichnungen“. Die „Kartenskizze“ zeigt die Lage des Fundortes und eine der beiden „Zeichnungen“ ist eine besonders qualitätvolle Wiedergabe der Lanzenspitze. Eine zweite Zeichnung von einem in der Nähe gefundenen Kiefernast ist heute nicht mehr vorhanden, wurde aber von Hugo Groß für die Publikation benutzt. Unveröffentlicht blieb dagegen die Zeichnung der beiden Stücke im Planum, mit der Wieske die Lage der Fundstücke dokumentiert hatte.

Die hier vorgestellte Fundmeldung steht beispielhaft für eine Vielzahl solcher Dokumente, die von Wieske an das Prussia-Museum gesandt wurden. Wilhelm Gaerte, der Direktor des Hauses, war von der Qualität der Berichte beeindruckt. Am 31. Juli 1935 schreibt er an Wieske (PMA_1545_01.pdf: Seite 32): „Hiermit bestätige ich den Eingang Ihrer Sendung vom 26. Juli und danke Ihnen für die außerordentliche Mühe, die Sie sich mit der Abfassung dieser Berichte gemacht haben. Ich kann, ohne zu übertreiben, sagen, dass noch nie so sorgfältige und saubere Berichte von einem Pfleger eingegangen sind. Auch ihre Bleistiftzeichnungen sind einfach ausgezeichnet. Die Genauigkeit ihrer Fundmeldungen machen keine weitere Anfrage notwendig.“ Ähnlich äußert sich Hugo Groß am 24. August 1935 in einem Brief an Gaerte (PMA_1545_01.pdf: Seite 35): „Verbindlichsten Dank für die Zusendung der Fundberichte des Herrn Wieske. Ich habe sie mit größtem Interesse durchgesehen; sie sind in der Tat musterhaft […]. Besonders rühmend möchte ich die Umsicht und Sorgfalt hervorheben, mit der Herr Wieske durch die Probenuntersuchungen die sichere Datierung der paläolithischen Lanze ermöglicht hat; ich habe ihm dafür wärmsten Dank auszusprechen.“

Fritz Wieske war ehrenamtlicher Pfleger für den Kreis Gumbinnen. In einer im Juni 1942 publizierten Liste (In: Altpreußen 7, 1942, S. 29) ist er als Lehrer a. D., wohnhaft in Ohldorf (Kulligkehmen), erfasst. Darüber hinaus ist jedoch nicht viel über ihn bekannt. Die erhaltenen Akten zeigen, dass er 1934 und 1935 besonders aktiv war. Aus dem Jahr 1937 sind mehrere Fotografien von Burgwällen, die er angefertigt hat, belegt. Erhaltene Fundmeldungen gibt es erst wieder aus dem Jahr 1941. Am 12. Juni schreibt Wieske an das Landesamt für Vorgeschichte: „Infolge schwerer Erkrankung hatte ich die vorgeschichtliche Arbeit im Kreise Gumbinnen für längere Zeit einstellen müssen. Noch ausstehende Arbeiten werde ich nach Möglichkeit bald erledigen.“ (PMA_1966_02.pdf: Seite 8). Offenbar konnte Fritz Wieske seine Unterlagen zumindest teilweise in die Nachkriegszeit retten, denn er fertigte 1954 ein Manuskript zur „Vorgeschichte des Kreises Gumbinnen“ an. Auf diesem basieren der Fundstellenkatalog und das entsprechende Kapitel von Rudolf Grenz (Die Vor- und Frühgeschichte. In: Stadt und Kreis Gumbinnen. Eine ostpreußische Dokumentation [Marburg/Lahn 1971] S. 57-189). Trotz umfangreicher Recherchen ist es bislang nicht gelungen, die Lebensdaten von Fritz Wieske sicher zu ermitteln. Auch scheinen das Manuskript und sein Nachlass nicht mehr erhalten zu sein.