Dokument des Kreises Memel

Ein jungsteinzeitlicher Hortfund aus der Gegend von Nidden?

von Christine Reich

Das hier vorgestellte Dokument ist eine Fototafel aus der Akte zum Fundort „Gegend von Nidden, Kr. Memel“. Nidden (heute: Nida, Litauen) ist eine Ortschaft im nördlichen Teil der Kurischen Nehrung. Neben dem Haff und der Ostsee ist die Landschaft der Nehrung von Wald und Wanderdünen geprägt. Insbesondere die unmittelbar bei Nidden liegende Hohe Düne ist eine markante Erhebung. Aufgrund von Versandung musste das Dorf in der Neuzeit mehrfach verlegt werden.

Ansicht der Fototafel aus Ortsakte Nidden (PMA_1269_01_Seite_12) 
Fototafel aus der Akte „Gegend von Nidden, Kr. Memel“ (PMA_1269_01.pdf: Seite 12). © Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin.

Die Fototafel ist mit „Kurische Nehrung [/] bei Nidden“ betitelt. Unter dem aufgeklebten Foto findet sich eine kurze Beschreibung: „Das Bild stellt 9 im Kreise herumgelegte [/] Feuersteinmesser dar, in deren Mitte sich [/] ein kl.[eines] dicknackiges Beil ohne Schaftloch [/] aus weißem harten Kalkstein befindet. [/] Die Feuersteinmesser sind mit der Längs-[/]achse nach der Mitte hin gerichtet, die Gegen-[/]stände sind gerade herausgeweht worden.“ Unten rechts auf der Tafel ist vermerkt, dass die Aufnahme von Herrn Fischer „nach einem Bilde, das Lehrer [/] Sonntag brachte“ im Juli 1937 gemacht worden ist.

Auf dem vorangehenden, mit Maschine geschriebenen Blatt in der Akte wird von Museumsdirektor Wilhelm Gaerte genauer ausgeführt, wie das Foto ins Museum kam. Demnach überbrachte am 6. Juli 1937 der Lehrer Sonntag „eine Photographie, die Hauptlehrer Fuchs, Nidden, z. Zt. Memel, Ferdinands-Platz-Schule beschäftigt, gemacht hat.“ Zu den Umständen heißt es weiter: „Herr Fuchs hat die Aufnahme bei Nidden auf einer Düne gemacht, auf der die Gegenstände gerade herausgeweht waren. Die Stücke lagen auf fester Düne, über die die Wanderdüne hinweggegangen war. Herr Sonntag selbst hat dies von Herrn Fuchs in Nidden persönlich erfahren, dass an der Lagerung nicht zu zweifeln ist.“

Folgt man dem Foto bzw. der Beschreibung, so hätten wir hier aufgrund der Anordnung der Funde vermutlich einen Hort vor uns. In der Prussia-Sammlung im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin kann heute keines dieser Stücke nachgewiesen werden. Da auf den Dokumenten keine Inventarnummern vermerkt wurden, besteht die Möglichkeit, dass die Artefakte niemals ins Prussia-Museum nach Königsberg gelangt sind. Auch blieb der Befund unpubliziert.

Vergrößertes Detail der Fototafel. 
Vergrößertes Detail der Fototafel. © Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin.

Selbst wenn man das Foto vergrößert, lassen sich die Formen der Feuersteinklingen kaum erkennen. Das Beil ist dicknackig und war nicht besonders groß. Bei modernen Grabungen in den 1970er Jahren an der Fundstelle „Fünf Hügel“ in Nida, bei denen zahlreiche Siedlungsbefunde aufgedeckt wurden, kamen über 90 Beile zu Tage, die in der Regel nicht mehr als 10 cm lang sind (Rimutė Rimantiėne, Die Kurische Nehrung aus dem Blickwinkel des Archäologen [Vilnius 1999] S. 69f., Abb. 24). Wahrscheinlich kann der ungewöhnliche Befund der jungsteinzeitlichen Haffküstenkultur zugewiesen werden (Agnė Čivilytė, Die Funde der Steinzeit in Litauen und ihr kultureller Kontext. In: Die vor- und frühgeschichtlichen Funde aus Litauen. Bestandskatalog 12 [Berlin 2013] S. 39-43).