Dokument des Kreises Tilsit

Eine kaiserzeitliche Bestattung aus dem Gräberfeld von Tilsit-Splitter

von Christine Reich

Zeichnung des Grabes 26 aus dem Gräberfeld von Tilsit-Splitter (PMA_0772_03.pdf: Seite 21). © Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin. 
Zeichnung des Grabes 26 aus dem Gräberfeld von Tilsit-Splitter (PMA_0772_03.pdf: Seite 21). © Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin.

Die hier vorgestellte Zeichnung ist Teil der Grabungsdokumentation von einem Bereich des Gräberfeldes Tilsit-Splitter, Fundstelle „Am Schwedenfriedhof“, der 1936 und 1937 von Walter Gronau freigelegt wurde. Da die Gemeinde Splitter erst 1919 in den Stadtkreis Tilsit (heute: Sovetsk, Oblast Kaliningrad) eingemeindet wurde, wird die rekonstruierte Akte unter der älteren Bezeichnung „Splitter“ geführt. Der zugehörige Aktenbestand umfasst insgesamt vier Bände, die Korrespondenz, Teile von Grabungstagebüchern und Grabungsberichten, Pläne, Befundzeichnungen und Fotos insbesondere zum dortigen Gräberfeld enthalten. Das hier behandelte Blatt stammt aus dem dritten Band.

In der linken oberen Ecke des Blattes ist „Gr. [Grab] 26“ angegeben. In der rechten oberen Ecke findet sich handschriftlich eine Beschreibung des Befundes: „Planum 1,54 [/] Frauengrab, Kopf SO. [/] br. [bronzene] Halskette, einf. [einfache] Glieder, Halsring, [/] Verschluß im Genick, Haken- od. Scheibe [/] Anhänger aus Br. auf d. Brust. [/] Auf jedem Unterarm je 1 br. Armspirale, [/] 1 br. Fingerspirale v. Bein [/] nach drinnen verdreht.“ Die untere rechte Ecke des Blattes fehlt. Dass sich hier jedoch keine weiteren Informationen befanden, zeigt das in der Akte folgende Blatt (PMA_0772_03.pdf: Seite 22). Hierbei handelt es sich um eine vollständig erhaltene Kopie, für die auf transparentem Millimeterpapier die Zeichnung durchgepaust worden war. Zu diesem Grab 26 gibt es noch weitere Archivalien: Seite 13 im selben Aktenband zeigt einen Teil des Gräberfeldplanes, auf dem auch der Umriss dieser Bestattung erfasst ist. Im vierten Aktenband findet sich ebenfalls auf Seite 13 eine fragmentierte Tafel mit zwei Fotografien des Befundes.

In Splitter gibt es mehrere Fundstellen, an denen Bestattungen aufgedeckt wurden. So legte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Felix Peiser mittelalterliche Gräber „Am Mühlenteich“ frei. Einen guten Überblick über die einzelnen Bestattungsplätze gibt Wojciech Nowakowski (Eine vergessene Nekropole an der Memel – das kaiserzeitliche Gräberfeld Tilsit-Splitter. In: Archaeologia Lituana 7, 2006, S. 23-30). Die Fundstelle „Am Schwedenfriedhof“, wo Walter Gronau in den 1930er Jahren grub, ist etwa 1 km weit von der Peiserschen Grabung entfernt. Die Untersuchung Gronaus ist weitgehend unpubliziert geblieben. Es gibt einen kurzen Vermerk von Dietrich Bohnsack in der Zeitschrift Altpreußen 3, 1938/39, S. 29, in dem es heißt: „Tilsit-Splitter, 19.-27.11.36, 21.4.-21.7.37 (mit Unterbrechungen). Amtliche Grabung auf dem großen Gräberfelde in der Kiesgrube Milkutat ergab im ganzen 131 Gräber und zwar Körpergräber des 3.-6. Jh. n. Zw. und Brandgräber des 11. Jh. n. Ztrw. in diesen zahlreiche Spuren von Wikingereinflüssen. Reiche Bronze- und Eisenbeigaben. Einige Tongefäße weisen auf samländische Beziehungen hin. In seiner Bedeutung ist der Friedhof nur mit dem von Linkuhnen gleichzustellen.“

Das umfangreiche Fundmaterial aus der Grabung von Walter Gronau muss heute als verschollen gelten. Es lassen sich zumindest keine Objekte in der Berliner Prussia-Sammlung nachweisen. Auch wenn die Funde des hier vorgestellten Grabes 26 nicht sehr ausführlich beschrieben werden, kann davon ausgegangen werden, dass die Bestattung aus der jüngeren Römischen Kaiserzeit stammt. Dafür spricht neben dem typischen Muster an Beigaben auch die Ausrichtung des Grabes mit dem Kopf der Toten im Südosten. Die Bestattungssitten im Memelgebiet hat jüngst Rasa Banytė-Rowell zusammengestellt (Die Memelkultur in der Römischen Kaiserzeit. Auswertung der Archivalien aus dem Nachlass von Herbert Jankuhn. Studien zur Siedlungsgeschichte und Archäologie der Ostseegebiete 17 [Mainz 2019] S. 18-20.)